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Donnerstag, 1. August 2013

Henri Quatre Colloquium - Der Louvre und Margot


RUB 6943, Ausgabe von 1943 von Privat
Liebe Colloquianer;

die Zeit ist reif, Das Amulett von Conrad Ferdinand Meyer hinzuzuziehen. Darin werden die Ereignisse um die Bartholomäusnacht in Prägnanz von anderer Warte her aufgerollt. Aber zuerst zu Heinrich Mann und wie er die Dinge schildert. Diesmal hoffe ich, dass sich hier doch ein paar mehr Kommentare einfinden werden.

Und um es gleich zu Anfang deutlich anzukündigen:  zum 1. September, das ist ein Sonntag, trifft sich das Henri Quatre Colloquium hier wieder zum Austausch über das Kapitel: Die Schule des Unglücks.

Louvre 1
Wikipedia common
Was ist inzwischen geschehen? Mit seiner hugenottischen Gefolgschaft trifft Henri von Navarra in Paris ein, dessen Straßen unheimlich leer und still sind - "abgeräumte Auslagen und geschlossene Läden". Nach und nach bleiben die Truppen zurück, ursprünglich 800 Mann stark.

"Jemand berührt seine Schulter, einer der Freunde wohl, er hört ihn sagen: «Sie haben hinter uns das Tor geschlossen.» Sofort war er kühl und klar. Er stellte fest, daß wirklich die Leute des Louvre den Zugang zu der Brücke schnell verrammelt hatten, bevor seine bewaffnete Deckung hindurch war. Die Seinen lärmten draußen."
Louvre 2

Und weiter:
"Henri musterte seine wenigen Genossen: dann setzte er sich an ihre Spitze und ritt weiter genau zwanzig Fuß weit, wie er berechnete; jetzt polterten die Hufe auf Holz, das war die Zugbrücke. Eine Tür – die Tür des Louvre, dunkel und massig zwischen zwei alten Türmen. Endlich ein Gewölbe, so niedrig, daß die Reiter absaßen und ihre Tiere führten. Die andere Hand legte sich von selbst um den Griff der Pistolen. Noch einmal zwanzig Fuß zählte Henri, ganz Spannung. Indessen gelangte er in einen Hof."

Das ist praktisch Faustens Osterspaziergang in Umkehrung. Heinrich Mann bewegt sich fast in Grimmschen Sphären mit Hexen und Giftmischen, mit zuckenden Flammen und Raufbolden in Spelunken. Es knistert in der Stadt. Der Firnis über allem Barbarentum ist Katharina de Medicis Art von Glanz; sie erscheint wie eine Circe, unter deren Bann Männer zu Schweinen werden. Catherine, Henris Schwester, ist fast wie eine Heroine aus Dickens, so gut und rein, während Henri in seinem jugendlichen Ungestüm hierhin und dorthin gerissen scheint, aber mit Glück und Freunden und - wie es scheint manchmal - aus höherer Fügung durch all das Wirrwarr von Aufruhr und Verschwörung weiter auf seinem gewundenen Pfad zur Vollendung drängt.

Für die Leser der Rowohlt-Ausgabe hier wieder die Übersetzung (Helmut Bartuscheck) der Moralite zum Kapitel "Der Louvre":
Sie hätten viel besser daran getan, Henri, umzukehren, solange noch Zeit dazu war. Ihre Schwester sagt Ihnen das, sie, die so verständig ist – und es doch auch nicht immer sein wird. Es ist nur zu klar, daß dieser Hof, den eine böse Fee beherrscht, sich nicht damit begnügen wird, Ihnen «die Königin, Ihre Mutter» getötet zu haben, sondern daß Sie noch teurer Ihren Eigensinn, der Sie zu lange in ihm verweilen ließ, bezahlen müssen und Ihre Lust an allem, was gefährlich ist. Andererseits läßt Sie aber auch dieser Aufenthalt die tiefe Zweideutigkeit des Daseins erkennen, das nur mehr rund um einen gähnenden Abgrund sich abspielt. Das erhöht nur noch den Reiz des Lebens, und Ihre Leidenschaft für Margot, die zu lieben Ihnen die Erinnerung an Jeanne verbietet, bekommt dadurch einen schauerlichen Reiz.
"Margot" folgt.

Samstag, 29. Juni 2013

Henri Quatre Colloquium - Jeanne



Liebe Colloquianer;
Immer wieder hatte ich vor, dies Projekt der Heinrich Mann Lektüre im Blog etwas anzuschieben, doch der Alltag geriet zu betriebsam, so dass ich erst jetzt zum Stichtag aufmuntere: Nur zu! Melden Sie sich mit Ihren Einrücken und Gedanken und setzen Sie den Austausch in Bewegung.


Jeanne d'Albret
Mit dem Kapitel "Jeanne" sehen wir, wie Henris Mutter darum kämpft, die Geschicke ihres Sohnes und ihrer Glaubensgenossen zu sichern, eigentlich zu retten. Über dem ganzen Kapitel schwebt das Verhängnis, geschmiedet von Katharina von Medici und dem sinistren Herzog von Alba. Das ereilt Jeanne am Ende - doch bleibt es noch offen, ob sie ihrem Leiden erlag oder gemeuchelt wurde.

Katharina von Medici waltet weiter gemäß ihren Plänen. Sie hat einen langen Atem und verfügt über alle Methoden, angefangen bei süßen Einflüsterungen. Trotz ihrer Zusicherungen wissen die Hugenotten um die Gefahr, von der sie umgeben sind. Hier ist eine Passage zum hugenottischen La Rochelle, der gefestigten Stadt an der Atlantikküste.
"Das ist viel, eine Stadt des Wohlwollens und der Sicherheit, wenn hinter uns ein ganzes Land des Hasses und der Verfolgungen liegt! Auf einmal fällt das Mißtrauen, die Vorsicht wird abgelegt, und dem entronnenen Menschen genügt fürs erste schon das allein, daß er frei ist und atmet. Alles sagen dürfen, was dich gequält und erbittert hatte, und andere sehn dich an und sprechen aus derselben Brust. Beisammen sein und nur wesen um sich haben, die man nicht verachten muß. Erlöse uns von dem Übel! Führ durch alle Gefahren die herbei, die ich liebe! Und jetzt sind sie da." 
(In: Die Festung am Ozean)

Dies ist wieder eine starke Stelle bei Heinrich Mann, wo ich sicher bin, dass sein eigenes Erleben und Empfinden hineingegossen sind. In den unsteten Zeiten der Religionskriege waren Tausende in diesem Zustand der Unsicherheit und des Gejagtwerdens. Wir haben es bis in die heutige Zeit nicht geschafft, der Menschlichkeit Raum zu geben und die Erde wohnlich zu gestalten. Gerade werden in Europa die Flüchtlingsrechte wieder eingeschränkt und in Übersee neue Flüchtlingsströme verletzter und verschreckter Menschen ausgelöst. Das Grundrecht, dass ein jeder Mensch Recht auf Leben und Unversehrtheit des Körpers hat und dass er unschuldig ist, bis vor ordentlichem Gericht das Gegenteil bewiesen wird hat in unserer Zeit, in der gezielte Tötung und robuste Intervention wieder salonfähig werden keine Geltung mehr.

Heute gab es eine lokale Nachricht, dass ein geistig verwirrter Mann mit Messer von einem Polizisten totgeschossen wurde. International wird berichtet dass die erwiesenermaßen unschuldig verschleppten und eingeschlossenen Personen in Guantanamo kaum Aussicht haben werden, frei zu kommen, und eine weitere Nachricht: dass Murat Kurnaz ohne Hilfe und Unterstützung durch die Zeit nach seiner Freilassung kommen musste. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt aus unserer Zeit.

Prinz Heinrich von Navarra, von François Clouet
Was die Hugenotten betrifft und auch den guten König Heinrich, der im Kapitel "Jeanne" noch ein ungestümer Prinz ist, so kann man ihnen nicht nachsagen, dass sie der Gewalt abhold wären. Etwas euphemistisch spricht heinrich Mann dann auch die Grausamkeiten an, mit der Jeanne straft, wenn ihre Leute es an Gefolgstreue mangeln lassen. Henri reitet tollkühn in Kampfgetümmel und erklärt sich nicht einmal seine Beweggründe. Die Hugenotten unter Coligny sind bereit, ihre Sache mit dem Schwert auszufechten und Throne zu stürzen und Gegner zu vernichten. Nasty, nasty sagt der Engländer im Understatement.

Hier ist was Henris Freund, Agrippa d'Aubigné dazu sagt, und wir hören wieder Heinrich Mann selbst, da bin ich mir sicher:
"«In summa», sagte Agrippa d’Aubigné, während sie im Haufen ritten: «Du bist weiter nichts, Prinz, als was das gute Volk aus dir gemacht hat. Deswegen kannst du dennoch höher sein, denn das Geschaffene ist manchmal höher als der Künstler, weh aber dir, wenn du ein Tyrann würdest! Gegen einen offenkundigen Tyrannen haben sogar die unteren Beamten alles Recht von Gott.»
     «Agrippa», erwiderte Henri, «wenn du recht hast, bewerbe ich mich um eine untere Beamtenstelle. Nun sind dies aber Spitzfindigkeiten von Pastoren, und ein König bleibt ein König.»
     «Sei froh, daß du nur der Prinz von Navarra bist!»"
(In: Jesus)


Zeitrahmen  Kapitel "Jeanne", zitiert aus Wikipedia
"[Nach dem Ende des ersten Hugenottenkrieges 1563 führte Katharina ihren Sohn König Karl IX. auf einer großen Rundreise durch das ganze Reich. Der Herzog von Vendôme und Prinz von Navarra war immer dabei. Auf Schloss Empéri trat am 17. Oktober 1564 der Astrologe Nostradamus in Heinrichs Gemach und verkündete ihm angeblich, dass er eines Tages Frankreich und Navarra unter einer Krone vereinen werde, was bereits im 13. und 14. Jahrhundert unter Philipp IV. dem Schönen und seinen Söhnen der Fall war.]*
Im Mai 1566 endete die Reise, zu der im Januar Johanna von Albret gestoßen war. Ein Jahr später verließ sie mit ihrem Sohn den königlichen Hof. Er wurde Generalleutnant von Navarra und unternahm seine ersten Kriegszüge gegen die baskischen Edelleute. Neben dem Königreich Navarra gehörten ihm weitere Besitztümer: die Grafschaften Béarn, Foix, Bigorre, das Herzogtum d'Albret, die Grafschaften Limoges, Périgord, Armagnac, Fézenac, Rodez, Quatre-Vallées, Lomagne, das Herzogtum Vendôme, die Grafschaften Marle, La Fère, Soissons, die Herzogtümer Alençon und Beaumont.
1567 entbrannte der zweite Hugenottenkrieg mit einem Überfall des Fürsten Heinrich I. von Bourbon-Condé. Katharina wollte den 14-jährigen Heinrich als protestantisches Unterpfand wieder in ihrem Hofstaat zurück sehen, und er wurde nach der Weigerung seiner Mutter das Ziel von Entführungsversuchen. Der Krieg endete 1568, da aber beide Parteien ihre Truppen mobilisiert ließen, mündete er fast nahtlos in den dritten Hugenottenkrieg.
Im September 1568 machte Heinrich in La Rochelle Bekanntschaft mit seinem Onkel Ludwig von Bourbon-Condé, der ein Führer der protestantischen Armee war. Der 14-jährige begleitete ihn während der Feldzüge, die zuerst die zwei Fürsten des Hauses Condé und ab 1570 Gaspard II. von Coligny anführten.
Im August 1570 kam mit dem Frieden von Saint-Germain ein Friedensvertrag zwischen den Katholiken und den Hugenotten zustande. Am 9. Juni 1572 verstarb Johanna von Albret, wodurch aus Heinrich nun König Heinrich III. von Navarra wurde."
*[noch von Kapitel I]

In Diskussionen zum Buch kam der Gedanke beim Gesprächspartner auf, dass Heinrich Mann, nach seinem Erfolg mit der Verfilmung von Professor Unrat, mit der Möglichkeit rechnete, dass auch sein Henri Quatre verfilmt werden könnte, weswegen die Dialoge im Buch so zahlreich und plastisch erscheinen, beispielsweise. Der Einfluß vom aufkommenden Film auf den Stil des Romans - da hab ich auf die Schnelle keinen klugen Aufsatz finden können. Wenn man sich vor Augen führt, wie expressionistisch verzerrt (nicht negativ gemeint) Der blaue Engel die Romanvorlage verarbeitet, gehe ich eher noch von der umgekehrten Einflußnahme aus. Für mich wurzelt die Eindringlichkeit Heinrich Mannscher Beschreibungen in seiner Persönlichkeit und Biographie. Die Manns wuchsen in oppulenten bürgerlichen Zeiten auf und verfügten über eine profunde humanistische Ausbildung und Tradition.

Uffizien, Florenz
Ich bin mir sicher, dass Heinrich Mann mit jeder Epoche der europäischen Geschichte mit vielen Quellen vertraut war. Dazu ist verbürgt, daß er für diesen Roman lange und ausführliche Studien und Materialsichtungen verrichtete. Mir fällt immer wieder auf, wie er als Autor - ähnlich wie der junge Henri - vom schieren Leben hingerissen wird bis hin zur Unvernunft. Jetzt sollte ich eigentlich Stellen anführen. Etwas vage führe ich hier einfach den Umgang mit Jeanne an, deren Grausamkeit er fast wie ein Kavaliersdelikt behandelt - schlimm, schlimm, aber so war sie damals, die Gute. Dann wieder kommt zum Ausdruck, wie unbedingt Mann/Henri Grausamkeit verabscheuen und ablehnen.

Musée Condé
Verblendung und Verschleierung
Interessant ist das Kapitel: Ein Florentiner Teppich. Es geht um Jeanne und Margot, und Heinrich Mann deutet an, wie Margot einen besonderen sechsten Sinn für ihre Mutter, Katharina de Medici, hat und spürt, dass diese Unheil brütet, was sie fürchtet. Margot hat eine unbestimmte Regung der Menschlichkeit. Ihre Warnung an Jeanne, zu fliehen, kommt spontan und verfehlt ihre Wirkung. Sicherlich hätte die reife Katharina so eine Szene ganz anders gemeistert, vorbereitet und durchgeführt zu ihren Zielen. Dadurch bekommt Margot eine tragische Rolle bei Heinrich Mann, sie ist die Kassandra, die man hört, aber der man nicht glaubt.

Der Florentiner Teppich verkörpert einmal den Geist, der in Katharinas Louvre weht und ist Sinnbild für eine glanzvolle großzügige Façade, die kalte und festungsartige Mauern verbirgt. Darüberhinaus illustriert der florentiner Teppich auch die Verkommenheit, zu der es im Hof gekommen ist, ganz in der Tradition der Familie de Medici und ihres Rufes. Das Beispiel eines der florentinischen Teppiche, die das Hofleben unter Katharina de Medici in Frankreich illustrieren, habe ich die Szene mit dem Angriff auf den betürmten Elefanten gewählt, wie sie auch in der Propyläen Weltgeschichte ausgesucht worden war. Das war so eine Hofbelustigung in vollem Pomp. 

Das sind so meine laienhaften Gedanken. Was fiel Ihnen so auf und ein? Das hier ist kein akademisches Unterfangen, aber es ist doch gut, heute über Heinrich Mann und seinen Henri Quatre zu sprechen, oder nicht?

Übersetzung (von Helmut Bartuschek) der moralité am Ende von Kapitel II
"Seht, wie dieser junge Prinz sich schon auseinandersetzt mit den Gefahren des Lebens, die darin bestehen, daß man getötet wird oder verraten wird, die aber auch unter unseren Wünschen und sogar unter unseren großmütigen Träumen versteckt liegen. Wahrhaftig, es geht spielend durch alle Bedrohungen hindurch, ganz wie es dem Vorrecht seines Alters entspricht. Verliebt, wie er alle Naselang ist, weiß er noch nicht, daß einzig die Liebe ihn eine Freiheit verlieren läßt, die ihm der Haß vergebens streitig macht. Denn um ihn zu schützen vor dem Ränkespiel der Menschen und den Fallen, die ihm seine eigene Natur stellte, lebte zu der Zeit noch ein Wesen, das ihn liebte, bis es dafür sein Leben ließ, und dieses Wesen nannte er: «die Königin, meine Mutter»."
... und zum 1. August treffen wir uns wieder hier im Colloquium zu den nächsten zwei Kapiteln: "Der Louvre" und "Margot"

Dienstag, 21. Mai 2013

Henri Quatre - ein paar Portraits



Buchrücken
Einband: Hugo Steiner-Prag
Quelle: Propyläen Weltzgeschichte
in zehn Bänden, Bd. 5; München 1930
Noch ist es still im Colloquium, aber ich hoffe sehr, dass der ein oder andere inzwischen in Heinrich Mann, Die Jugend des Königs Henri Quatre, gelesen und vielleicht hier und dort ein Zitat aus dem ersten Kapitel, Die Pyrenäen, festgehalten hat. Samstag, am 1. Juni würde ich mich sehr freuen, viele Leser hier in diesem Forum zu treffen, die sich in die Unterredung einbrächten.


Die Heinrich Mann Gesellschaft hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, alle lieferbaren Werke von Heinrich Mann in einer Bibliographie zu versammeln, darunter beispielsweise auch die Studienausgabe:
Heinrich Mann: Die Jugend des Königs Henri Quatre. Roman. 1991, 717 S., ISBN: 978-3-596-10118-4    14,95 €

Heinrich Mann: Die Vollendung des Königs Henri Quatre. Roman. Mit einem Nachwort von Hans Mayer und einem Materialienanhang, zusammengestellt von Peter-Paul Schneider. 1991, 1115 S., ISBN: 978-3-596-10119-1   16,95 €
Ich bestelle sie Ihnen gerne.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen ging, aber ich habe nun schon wiederholte Male das Kapitel gelesen und fand es jedesmal anregend, hab mir hin und wieder Information hinzugezogen, wie beispielsweise den alten Band aus der Propyläen Weltgeschichte, weniger, um darin zu lesen, als dass ich zwecks Anschauung einige Portraits daraus kopieren könnte.

Unten ist zur Übersicht eine Karte und die historischen Daten, entnommen aus dem dtv Atlas Weltgeschichte, von Kinder, Hilgemann und Hergt, der ins Regal zu stellen lohnt. Er ist in 3. Auflage von 2010 lieferbar.

Hier, aus der Propyläen Weltgeschichte, sind also einige der Personen, um die es im ersten Kapitel geht.
Johannes Calvin
Johannes Calvin erscheint nicht wirklich, ist aber der Gründer der religiösen Strömung, die in Frankreich den Namen Hugenotten annahm. 
Die deutsche Hugenottengesellschaft erklärt die Herkunft der Bezeichnung:
"In der Regel wird der Name "Hugenotte" von dem deutschen Wort Eidgenossen abgeleitet (eiguenot). Diese 1520 in Genf entstandene Bezeichnung galt zunächst den frühen Anhängern der Reformation in der Stadt. Das negativ besetzte Wort sollte die Hugenotten als Parteigänger des Schweizer Reformators Calvin diskreditieren."


Gaspard de Coligny
* Henri II
Jeanne d'Albret
Katharina de Medici
Admiral Coligny führte die Hugenotten an. Ich erinnerte mich gleich an ihn aus Conrad Ferdinand Meyer, Das Amulett - eine Lektüre, die eigentlich erst später dran kommt, sozusagen; denn die Erzählung rankt sich um die Bartholomäusnacht, wie auch seine Ballade "Die Füße im Feuer", die sich auf die spätere Verfolgung der Hugenotten bezieht, die ihre Glaubensbrüder bis hierher nach Berlin und Brandenburg führte. Coligny ist jedenfalls ein eindrucksvoller Charakter. Heinrich Mann schreibt:
"Der König von Navarra sogar neigte den Kopf vor diesem alten Mann und damit auch vor der Partei, die er führte. Wenn andere sie nur benutzten ihres Vorteils wegen, dieser hatte die uneigennützige Strenge eines Märtyrers, das stand auf seiner heftigen und traurigen Stirn."
Dieser König von Navarra war Henri II, der Vater von Jeanne d'Albret, der Großvater vom kleinen Henri. Bildquelle hier ist Europeana. Von Henri d'Albret sagt Heinrich Mann:
"Der alte d’Albret war ein guter Katholik gewesen, aber ohne Einseitigkeit. Er hatte immer den Sinn dafür behalten, daß auch seine protestantischen Untertanen wieder Kinder zeugten, und diese wurden nützliche Arbeiter, bebauten die Felder, zahlten Abgaben, vermehrten den Reichtum des Landes und seines Herrn. Er ließ sie daher ruhig zur Predigt gehen, und seine Soldaten beschützten die Pastoren wie die Kapläne. Wahrscheinlich bedachte er auch, daß die wachsende Zahl dieser reformierten Protestanten, die sich Hugenotten nannten, seiner eigenen Selbständigkeit eher nützte als schadete, da der Hof in Paris entschieden zu katholisch war. Er selbst gehörte einfach unter die feudalen Herren, die von je das Ihre getan hatten, um den König von Frankreich nicht zu mächtig werden zu lassen. In neuester Zeit bedienten sie sich der Hugenotten, dieses frischen, jungen Glaubens, der den wahren Gott aus der Nähe kannte und dadurch nicht sanfter wurden."
dtv
  ***
Umschlag: Werner Rebhuhn
Rowohlt Ausgabe 1964
In dieser Rowohlt-Ausgabe die ich lese wird zwar die Übersetzung der Moralités, die jedes Kapitel beenden, angekündigt, fehlen dann aber. Darum folgt die erste, vom Ende des Kapitels Die Pyrenäen hier, in der Übersetzung von Helmut Bartuschek:
"So lernte der junge Henri vor der Zeit die Bosheit der Menschen kennen. Er hatte schon etwas davon geahnt nach so vielen wirren Eindrücken seines zarten Alters, das eine ununterbrochene Kette dunkler unvorhergesehener Ereignisse war. Aber als er seinen munteren Fluch «Ventre-Saint-Gris»* herausschmetterte – und das gar in dem Augenblicke, da ihm die ganze furchtbare Gefahr des Lebens unverhüllt vor Augen trat -, gab er damit dem Schicksal zu verstehen, daß er die Herausforderung annahm und daß er für alle Zeit sich seinen frühen Mut und seine angeborene heitere Laune bewahren werde.
    An jenem Tage entwuchs er der Kindheit."
* Ein von Henri Quatre erfundener und nur von ihm selbst verwendeter und mit ihm in die Geschichte eingegangener Stoßseufzer. Die wörtliche Übersetzung «Heiliger Graubauch» besagt so gut wie nichts. Ein deutsches Äquivalent wäre vielleicht «Heiliger Strohsack».

Samstag, 27. April 2013

“Die Pyrenäen” im Mai – Henri Quatre Colloquium


Pedro de Tolède / Henri IV (J. A. Ingres, 1819)
“Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.”


Bildquelle: Europeana
Das ist der Auftakt zum Tribut, den Heinrich Mann auf das Leben und Wirken von Henri IV zollt. Der Satz eröffnet das erste von 17 “Büchern”, die uns durch die zwei Teile des Roman-Epos leiten. Wir können uns also Zeit lassen mit dem Lesen, wenn wir ein Jahr ansetzen. Ab und an fallen im Monat zwei “Bücher” an. Aber zum Warmwerden denke ich, dass wir uns über den Mai auf “Die Pyrenäen” ( ca 56 Seiten) beschränken.

Auf dem Einband in der Fischer Taschenbuchausgabe ist Henri schon ein Jüngling. Hier aber ist der Knabe so zehn, elf Jahre alt und dabei, wie schon die erste Seite verrät, ein ganzes Kerlchen.

Jeanne d'Albret  (François Clouet, 1570)
Der Teil von Navarra, in der Henris Mutter Königin war, Jeanne III. von Navarra - oder eher bekannt als Jeanne d'Albret -, war um die 1560er herum noch unabhängig, politisch bedingt aber eng mit dem Frankreich der Katharina von Medici liiert. Seit Luther 1517 im fernen Wittenberg die 95 Thesen an die Kirchentür geheftet hatte, war der Religionsstreit längst durch alle Lande bis zur iberischen Halbinsel vorgedrungen. Jeanne d'Albret war treue Verfechterin von Calvins Lehre, eine Hugenottin. Katharina von Medici vertrat die Interessen von Rom, wenn es ihr gerade passte. Der Westfälische Friede ließ noch viele Jahre auf sich warten, und im 16. Jahrhundert konnte man in Europa nicht wirklich von Spanien, Frankreich, England und den Niederlanden sprechen mit der Vorstellung, die wir heute haben. Der Kontinent war in ständiger Bewegung gemäß der Herrschaftsverhältnisse von den jeweiligen Königsgeschlechtern. Jeanne, beispielsweise, war verheiratet mit Anton von Bourbon, und so sehr die Bourbonen im Laufe der Geschichte als Synonym für ein verkommenes Geschlecht herhalten mussten (George W. Bushs Clique als eine seiner späteren Vertreter, sozusagen), so nimmt es bei den Bourbonen mit Henri IV in wirklich grimmen Zeiten eigentlich einen hoffnungsvollen Anfang.

Aber erstmal lernen wir die Famile etwas kennen und das schöne Fleckchen Erde, wo alles seinen Ausgang nimmt:

Pyrenäen

Ausschnitt aus: Andrees Allgemeiner Handatlas; 1893; Bielefeld/Leipzig*


"Von einem der schmalen Wege zum andern kletterte er durch eine Wildnis von Farnen, die besonnt dufteten oder im Schatten ihn abkühlten, wenn er sich hinlegte. Der Fels sprang vor, und jenseits toste der Wasserfall, er stürzte herab aus Himmelshöhe. Die ganz bewaldeten Berge mit den Augen messen, scharfe Augen, sie fanden auf einem weit entfernten Stein zwischen den Bäumen die kleine graue Gemse! Den Blick verlieren in der Tiefe des blau schwebenden Himmels! Hinaufrufen mit heller Stimme aus Lebenslust! Laufen, auf bloßen Füßen immer in Bewegung! Atmen, den Körper baden innen und außen mit warmer, leichter Luft! Dies waren die ersten Mühen und Freuden des Knaben, er hieß Henri. Er hatte kleine Freunde, die waren nicht nur barfuß wie er, sondern auch zerlumpt oder halb nackt. Sie rochen nach Schweiß, Kräutern, Rauch wie er selbst; und obwohl er nicht, gleich ihnen, in einer Hütte oder Höhle wohnte, roch er doch gern seinesgleichen. Sie lehrten ihn Vögel fangen und sie braten. Mit ihnen zusammen buk er zwischen heißen Steinen sein Brot und aß es, nachdem er es mit Knoblauch eingerieben hatte. Denn vom Knoblauch wurde man groß und blieb immer gesund.“

*Titelseite, in Privatbesitz
Also – auf in die Pyrenäen! Am Mittwoch, dem 1. Mai, geht's los. Ich hoffe, dass sich zum Wochenende um den 1. Juni etliche Lesegefährten im virtuellen Henri Quatre Colloquium (für jene, die's kurz mögen: HQC) einfinden.

War einer in der Gegend und kann Bilder vom heutigen Pau beisteuern? Welche Stellen im Buch gefielen besonders? Wie ging's mit dem Lesen voran?

Frisch drauflos geschrieben unter "Kommentar"! Rechts in der Spalte, unter Kommentare,  läßt sich verfolgen, wenn es neue Beiträge gibt. In der Zwischenzeit werde ich im heimischen Bücherschrank stöbern und historische Karten und relevante Abbildungen beisteuern.

Samstag, 20. April 2013

Henri Quatre Colloquium


Bildquelle: Europeana
Für englischsprachige Leute gibt es ein wunderbares Portal in einen Himmel der Bücher, Autoren, Leser und Kritiker, den Dovegreyreader Blog. Eines der Programme dort ist die Jahreslektüre von dicken Romanen. So alle ein, zwei Monate treffen sich die “Teams” im Kommentarteil und tauschen sich über den letztgelesenen Abschnitt aus. Gestern traf sich zum letzten Mal das Team Middlemarch. Davor gab es Team Ulysses und Team Tolstoi ("Krieg und Frieden"). Demnächst startet vielleicht Team A Place of Greater Safety ("Brüder" von Hilary Mantel), aber es ist noch nicht entschieden.

Das Konzept finde ich großartig, und ich möchte die Idee gerne von Dovegreyreader aus Devonshire ins Deutsche nach Berlin holen und von einem team auf ein Colloquium umsteigen. Dabei lande ich als Zwerg auf der Schulter eines weiteren Riesen im Unterfangen, Bücher und Lesen unter die Menschen zu bringen: das Literarische Colloquium Berlin.

S. Fischer
Also soll heute das Henri Quatre Colloquium einen Ort erhalten, wo sich alle, die gerne Heinrich Mann lesen wollen, treffen und austauschen können. Zumal ich in der Gefolgschaft derzeit noch alleine bin - (so wie bei Georg Friedrich Händel, der im Restaurant zwei große Mahlzeiten bestellte und wartete und schließlich den Kellner fragte, wo denn das Essen bliebe, worauf dieser sagte, er warte noch, dass die Gesellschaft einträfe und Händel entgegenete: Die Gesellschaft, das bin ich) - hab ich einfach entschieden, dass es Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre sein soll; aber danach kann der Vorschlag aus der Runde kommen und die Entscheidung von allen getroffen werden. Das Internet und der Blog machen es möglich, dass deutschsprachige Leser überall in der Welt mit dabei sein können, und ich hoffe, dass sich der literarische Salon im Blog bald mit Gästen füllt. Dazu kann jeder einfach unten im Kommentarkasten schreiben ("Kommentare" anwählen), wozu ich abermals herzlich und ausdrücklich einlade.

Ich habe die Taschenbuch-Ausgabe vom S. Fischer Verlag. Es gibt sie auch bei Rowohlt; gebunden war sie früher auch im Aufbau Verlag erschienen, ist dort aber vergriffen.

Auf dem Rückendeckel vom Fischer-Taschenbuch wird Heinrich Mann zu Henri Quatre zitiert:

Photo: Heinrich Mann Gesellschaft
»Aus seinen Abenteuern, Taten, Leiden habe ich eine lange Reihe von Bildern und Scenen gemacht, bunt zu lesen und anzusehn. Alle zusammen haben den Sinn, dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben zu reiten und zuzuschlagen.«

Ein Besuch bei der Heinrich Mann Gesellschaft lohnt sich für weitere Information und Anregung. 

Wer bricht mit auf in die ferne Zeit des 16. Jahrhunderts, ins ferne Navarra? Wer hat noch Lust, zu entdecken, was Heinrich Mann bei alledem sosehr am Herzen lag?


Dienstag, 5. Februar 2013

Abrüstung und Verständigung!

Der Abend*
Mit toten Heldengestalten
Erfüllst du Mond 
Die schweigenden Wälder,
Sichelmond -
Mit der sanften Umarmung
Der Liebenden,
Den Schatten berühmter Zeiten
Die modernden Felsen rings;
So bläulich erstrahlt es
Gegen die Stadt hin,
Wo kalt und böse
Ein verwesend Geschlecht wohnt,
Der weißen Enkel
Dunkle Zukunft bereitet.
Ihr mondverschlungnen Schatten
Aufseufzend im leeren Kristall
Des Bergsees.
Am vergangenen Wochenende standen viele Leserbriefe in "meiner" Berliner Zeitung: da waren Menschen schockiert und empört, dass am Jahrestag von Hitlers Machtantritt auf der Titelseite vom 30. Januar ein historisches Photo abgebildet war, auf dem begeisterte Bürger den Hitlergruß in die Kamera reckten. Das Titelbild tags drauf, eine Montage mit einem fröhlich lächelnden Thomas de Maizière und einer Militär-Drohne, ging kommentarlos über die Bühne. Das Bild finde ich viel anstößiger, weil wir es nach der ganzen Geschichte heute zulassen, dass wir an Waffenhandel und Kriegsgemetzel teilnehmen. Thomas de Maizière halte ich zugute, dass er Bundeswehr und ihre Aufgaben neu überdenken will. Offensive militärische Gewalt ist aber indiskutabel.

Thomas Plaßman liefert eine passende Karikatur zum Sinneswandel in Politik und wohlmöglich auch in der Gesellschaft mit den beiden Ausrufen: "Krieg?!? Nicht mit uns!" und "Krieg?!? Warum sind wir nicht dabei?!

Hier sind ein paar Denkanstöße zum Thema aus den Regalen der Buchhandlung:


* Gedicht aus:
Georg Trakl
Achtzig Gedichte

C. H. Beck textura, 2011 
14,95 €
C. H. Beck

Wolfram Wette
Militarismus in Deutschland
Geschichte einer kriegerischen Kultur
Fischer Tb, 2008
12,95 €
S. Fischer
Rosenberg/Seils
Konflikte lösen durch 
Gewaltfreie Kommunikation
Herder, 2004
8,99
 
Herder

Meister Suns Kriegskanon
Ü: (chin) Harro von Senger
Reclam UB, 2011
5,00 €
 Reclam
Sigmund Freud
Warum Krieg?
Zwei Schriften
(1915 und 1933)
Der Briefwechsel mit Albert Einstein
Reclam UB, 2012 
3,00 €
Reclam

Mittwoch, 1. August 2012

Michael Maar und die Lust aufs Lesen


.,archy and mehitabel, by don marquis

Der fünfte Vorlesemontag im Monat hier in der Schröerschen gilt dem Sachbuch, aber warum war es diesmal Michael Maar und seine Literaturgeschichte(n)?

Michael Maar bei Berenberg
Sind es nicht meist unsere Freunde, die uns auf gute Bücher stoßen? So auch diesmal, und zwar war gerade der erste Roman von Michael Maar erschienen: „Die Betrogenen“, und der wäre wirklich gut, meinte D., war aber nicht zur Hand und eben auch kein Sachbuch. Also gingen wir statt dessen Maars Behauptung nach, „Warum Märchen unsterblich sind“ - so der Untertitel von „Hexengeflüster“.

Literaturwissenschaftler können auch wie gute Freunde sein. Schon im Anfangskapitel mit dem schönen Namen „Märchen als Meteoriten“ bekam ich große Lust, nun doch endlich mal den „Zauberberg“ von Thomas Mann zu lesen. Wir blätterten weiter zum Kapitel V, über Kunstmärchen, und G. hatte sich deswegen vorher gleich etwas im Schlemihl eingelesen, der zu Anfang zitiert und dann von Maar kommentiert wird:

Reclam
.,Die jüngere Forschung hat nicht übersehen, schreibt Maar, .,daß die beiden Männer rot werden bei ihrer Unterredung im Park, als gehe es um ein unzüchtiges Angebot – so wenig wie sie Chamissos stürmische Liebesbriefe an seinen Freund übersah, eine [sic] gewissen Louis de La Foye. Nicht ohne Grund hat Thomas Mann öfter auf den Schattenkauf angespielt und Chamisso einen bewundernden Essay gewidmet.

Gleich fingen wir an, darüber zu diskutieren, ob es tatsächlich ein unzüchtiges Angebot sei, und worin die Unzucht bestünde. Dem freudschen Fehler nach (siehe sic), geht’s wohl um Homoerotik.

Berenberg Verlag
Kurzum, wir waren schon drin im Buch und im Thema. .,Der Zauberberg“, wie ich nun las, war übrigens Thema seiner Dissertation, weswegen Maar sich da wohl auskennen muss. Trotzdem, als hingegebener Leser von Laurence Sterne und nachdem wir im Vorjahr lauter Errötungen und andere extreme Gefühlswallungen bei Kleist erlesen hatten, beispielsweise bei seiner .,Marquise von O...“, und auch, was den in Ausführlichkeit bei Maar besprochenen Andersen betrifft (und seinem Zeitgenossen Kierkegaard) neige ich eher zur Vermutung, dass die Zeit derlei Empfindsamkeit den Männern in allen Landen Europas bescherte, zumindest vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Es gab noch einen Errötenden in meiner Erinnerung, den ich aber gerade jetzt nicht mehr zuordnen kann – war er in .,Suchodol“ von Iwan Bunin?

Im Kapitel V allein, auf dem Weg zu Chamisso wirbelt Maar an Apuleius, Novalis, E. T. A. Hoffmann, Wilhelm Hauff, Perrault vorbei, auf zu James Krüss und Michael Ende, dann verweilt er detaillierter bei Brentano und Büchner. Weiter geht es mit Oscar Wilde, Lewis Caroll, C. S. Lewis und J. K. Rowling, dann wieder ausführlich Andersen – mit einem Bogen zu Thomas Mann und seinem .,Zauberberg“. Alles geschieht, um dem Kunstmärchen seine Geheimnisse zu entlocken oder eher, den Leser in sie hineinzulocken wie Tannhäuser in den Venus-Berg.

Dies ist ein Buch für Erwachsene, die hinter Hexen, Höhlen, Drachen erwachsene Vorstellungen hervorlugen sehen, die wissen, was im Dreißigjährigen Krieg und bei der Hexenverfolgung unter Menschen im Land so los war; auch, was die Seele quält und treibt. Auf dem Titelbild geht ein Glücksritter mit keckem Säbel einer scheinbar hellen Zukunft entgegen. Am Ende der tunnelartigen schattigen Allee sitzt auf lichtüberfluteten Stufen eine lockere Schöne. Dahinter gähnt schwarz die Türöffnung. …

.,Hexengewisper“ ist im Berrenberg Verlag erschienen, der von Michael Maar auch „Proust Pharao“ aufgelegt hat und „Leoparden im Tempel“, eine Sammlung literaturkritischer Aufsätze von Andersen bis Woolf. Alle Berenberg Bücher erfreuen mit verlässlich schöner Ausstattung: Halbleineneinband, gutes Papier, Satzspiegel und Schrift die dem Auge wohltun.

C. H. Beck
S. Fischer
Der erste Roman von Michael Maar, „Die Betrogenen“ ist in diesem Jahr im Verlag C. H. Beck erschienen. „In seinem glänzend geschriebenen literarischen Debut erzählt der Essayist und Kritiker Michael Maar von Kunst, Eitelkeit, Sehnsucht und Tod.“, so heißt es beim Verlag. Könnte man mal versuchen....

.,Der Zauberberg“ von Thomas Mann ist im S. Fischer Verlag lieferbar, gebunden, als Taschenbuch und auch als Band 5 der kommentierten Frankfurter Ausgabe.

Samstag, 9. Juni 2012

Nachtrag zu Pfingsten


Berliner Zeitung

Gerade, beim Sichten von Zeitungs-Ausschnitten zur tieferen Lektüre, stieß ich auf Arno Widmanns Besprechung der Ausstellung im Metropolitan Museum of Arts: „Vom Schmelztiegel der Kulturen“, in der Berliner Zeitung vom Pfingstwochenende. Den Artikel durchzieht das Erstaunen, wie im Vorderen Orient des 7. bis zum 9. Jahrhundert kulturelle und religiöse Strömungen scheinbar untrennbar ineinanderflossen, und Widmann wünscht sich „... ein Buch, eine Ausstellung, die einem die Radikalisierung erklärt, die fundamentalistische Absetzung, den Wunsch nach mörderischer Differenz.“

S. Fischer Verlag
Beim Lesen von Widmanns Artikel wurde ich gleich an die Schilderung von Abrahams Berufung in Thomas Mann: „Joseph und seine Brüder“ erinnert. Es war da ganz natürlich, dass seine Gefolgschaft auf der Reise einen Haufen kleiner Götter in Skulpturen mit sich führten, einziger Gott hin oder her. So rasch ging es nicht mit dem Monotheismus. Überhaupt ist die Manie, alles ideologisch und religiös einsortieren zu wollen, eine Schwäche unserer Tage, wie mir scheint. Ich war auch immer erstaunt über den Umstand, beim Lesen desselben Thomas Mann, wie es in Kairo von allen Völkern und Fremden nur so wimmelte, die Ägypter aber weder Frisur und Mode, noch sich sonst, wie mir schien, änderten.

Peter Brown hat in seiner Besprechung zur selben Ausstellung in der New York Review of Books von der Mai-Woche davor,: „The Great Transition“ – so finde ich – die bessere Wahl getroffen. Er feiert die Freude am Durcheinander und am Miteinander. Er zieht den Essay im Katalog von Anna Ballian heran, um Mitte des 8. Jhdts folgende Stimmung am Schrein von Sankt Sergios in Rusafa in Syrien wiederzugeben, wo Kalif Hisham und Christen zusammentrafen: „Muslims were not always welcome as fellow travellers. They could be pushy and proud. But they did not stifle debate. Their enterprise in what has been called 'competitive self-definition' ensured that they remained in constant dialogue with those around them.“ 1*

New York Review of Books
Er schreibt von Straßen, die sich öffneten für Handel und Kultur, als mit der arabischen Eroberung zwei große Reiche in sich zusammenfielen, Byzanz und das Reich der Sassaniden:  „For the first time since the days of Xerxes and Alexander the Great, it was possible to travel directly, within a single empire, from Alexandria to the foot of the Zagros mountains in Iran and beyond. We can see this happen in the mosaics and products provided to the exhibition from Jordan. Regions that had lain on the dead end of a frontier now become thoroughfares. Synagogues and churches adjusted rapidly to the development of what Stephen Fine calls a „new umbrella civilization.“ 2*

Es mag naiv klingen, aber in „The Great Transition“ entdecke ich ein Frohlocken über die Fülle künstlerischen Ausdrucks, die entsteht, wenn wir das Fremde nicht als Bedrohung und Gefahr bekämpfen, sondern mit Neugierde und Staunen begrüßen. Wir müssen uns ja gar nicht ändern, aber es ist auch kein Untergang, wenn diese Änderung sich an uns vollzieht. Der Geist weht eben, wo er will, und, was Peter Brown in seinem Artikel auch hervorhebt, im Grunde geht es darum, dass wir unser Menschsein miteinander in Fülle leben. Das hat uns auch Jesus gewünscht. Es würde Europa und darüber hinaus guttun, diesen Traum der Schirm-Zivilisation fern aller Gleichschaltung anzustreben, sie nicht aus Rechthaberei, Überlegenheit und Gier, sondern aus Handel und Kunsttreiben, aber vor allem aus Dialog, erwachsen zu lassen.

Der Artikel von Peter Brown lohnt, in Gänze gelesen und wiedergelesen zu werden. Er ist zur Zeit noch großzügigerweise ungekürzt im Internet nachzulesen (http://www.nybooks.com).

Bild Quelle: privat
Peter Brown, Geschichtsprofessor in Princeton, hat etliche Bücher zum Themenkreis veröffentlicht. In deutschen Ausgaben kann ich Ihnen derzeit folgende Titel gerne bestellen:
  • Autorität und Heiligkeit;Aspekte der Christanisierung des Römischen Reiches
  • Die Entstehung des christlichen Europa
Leider, leider ist die schöne Ausgabe seines Buches „Die letzten Heiden / Eine kleine Geschichte der Spätantike“ (The Making of late Antiquity) bei Wagenbach vergriffen.

Bestellt habe ich sein Werk „The World of late Antiquity“, das voraussichtlich Ende August / Anfang September eintreffen wird.Weiter Titel besorge ich gerne.

Reclam Verlag
C. H. Beck  Verlag
Thames & Hudson Publishers
Die englischen Zitate besagen in Etwa:

1* Der Große Übergang

Moslems waren als Mitreisende nicht immer genehm. Sie konnten fordernd und stolz sein. Aber sie würgten Debatten nicht ab. Ihr Unterfangen in dem, was 'wettkämpferische Selbstdefinition' genannt worden ist, stellte sicher, dass sie mit Allen in ihrem Umfeld im andauernden Dialog blieben.

2* Zum ersten Mal seit den Tagen von Xerxes und Alexander dem Großen war es möglich, in einem einzigen Reich direkt zu reisen, von Alexandria bis an den Fuß des Zagros Bergs im Iran und darüber hinaus. Wir können sehen, wie dies in den Mosaiken und Produkten geschieht, die der Ausstellung aus Jordan beigesteuert wurden. Regionen, die am toten Ende der Grenze gelegen hatten, wurden nun Durchzugsgebiete. Synagogen und Kirchen stellten sich rasch auf diese Entwicklung ein, die Stephen Fine eine „neue Schirm-Zivilisation“ nennt.